"„Content“ schlage ich als Unwort des Jahrzehnts vor. Früher haben wir ja, naiv, wie wir sind, Content einfach mit Inhalt übersetzt. Aber dann hätte man eigentlich auch gleich weiter Inhalt sagen können. Inzwischen wissen wir: Der Begriff Content wird in der Regel benutzt, wenn das Gegenteil von Inhalt gemeint ist. „Content is king“ – das war der Schlachtruf von Bill Gates und der New Economy. Gates hat schon damals erklärt, was für ihn Content ist: Software, Spiele, Sport, Anzeigen, Entertainment, On-line communities und, ja auch, ein paar News. Content ist oft einfach Heißluft aus dem Unterhaltungsgebläse. Blödsinn in Dosen. Ein alberner Begriff.
Als Unwort-Alternativen bieten sich „Synergieeffekt“, „Kompetenzteam“ oder „Drei-Stufen-Test“ an."
(Tom Schimmeck in seiner Rede zum Mainzer Mediendisput)
Stimmt. Außerdem hat er sie im Angesicht all der mittelgreisen Medien-Muftis vom ZDF gehalten. Respekt.
Ebenso, weil er Bezüge herstellt zum ökonomischen Subtext, der die ganze Scheiße erst bewirkt hat. Und: wer es mitbewirkt hat. Stichwort: KohlKirch.
Danke für den Link.
Inzwischen hat Hajo Schumacher auf Visdp eine Entgegnung gebracht.
Dieses Denken ist zutiefst menschenfeindlich, denn es geht von einem vormodernen Weltbild aus: die babylonische Gefangenheit des Einzelnen. Warum nur kam einem beim Lesen ihrer Rede das Fossil Margot Honecker in den Sinn, das aus dem fernen Chile kundtat, früher sei alles doch viel gerechter und fairer und auch menschlich wärmer zugegangen? Es ist nicht mal wichtig, ob die Nostalgie-Ansprache zutrifft oder nicht – die Zeit ist schlichtweg vorbei.
Kurzum: Was stilisieren sich die Freien als Opfer, sollen sie doch lieber eigene Zeitschriften gründen oder Blogs starten, empfiehlt Hajo Schumacher.
Kai Schächtele - einer der Begründer der Freischreiber zu denen auch Schimmeck gehört - hat Schumacher in den Kommentaren geantwortet, Schimmeck selbst auch. Schächtele findet Schumachers Rat ungefähr
so seriös als würde man einem noch so begabten Straßenkicker sagen: Du, trommel ein paar Jungs zusammen, die so gut sind wie du, und dann gründet ihr einen Bundesligaverein.
Recht hat er. Schumacher scheint wirklich nicht begriffen zu haben, worum es ging: Die Bigotterie der Verlage und Sender, die dauernd den Qualitätsjournalismus im Munde führen, aber keinesfalls bezahlen wollen. Da legen sie eine Discounter-Manier an den Tag und drücken die Preise ins Bodenlose.
Schächtele verweist auf Matthias Döpfner, der gerade kundgetan habe, dass Springer ein kerngesundes Unternehmen mit einer Toprendite sei - was den Verlag aber nicht daran hindert, die Honorare der Freien ab 2010 zum Teil um 25 Prozent zu kürzen.
Die Freischreiber haben Schächteles Entgegnung auf die Entgegnung nochmals veröffentlicht und stellen sie zur Diskussion. Die bisherigen Kommentare (vier an der Zahl), sind ebenfalls lesenswert.
Schumacher schwimmt oben mit und kann mutmaßlich nie wieder hart fallen. Aus einer solchen Position heraus lässt sich immer sehr leicht so tun, als sei jeder seines Glückes Schmied und die Verlierer seien halt selber schuld.
Menschen wie er ignorieren gerne die sozialen Realitäten. Das ist so eine typisch neokonservative Haltung. "Wegschauen" nennt man sowas, glaube ich.
Diese "Wer gut ist, setzt sich durch"-Sprüche hört man ja auch meistens nur von festangestellten oder anderweitig gut abgesicherten Leuten. Wenn man sich dann einmal deren Arbeit anschaut, muss man das aber sehr bezweifeln.
Da möchte ich frenetisch beipflichten. "Content" ist zur metaironischen Brechung dessen degeneriert, was man früher mal halbwegs ernsthaft als Inhalte bezeichnet hat. Der Begriff "cat content" bringt das schön auf den Punkt.
Aber meiner Erinnerung nach waren weder Bill Gates noch irgendwelche Größen der sogenannten New Economy Urheber der Parole "Content is King". Sie stammte ursprünglich von Sumner Redstone, dem Besitzer des Unterhaltungskonzern Viacom (Paramount, MTV, etc.). Und der hatte darunter vor allem die Medieninhalte seiner Filmstudios, Fernseh- und Radiosender verstanden, von denen er hoffte, dass sie auch im Internet die große Zugnummer sein würden.
Mehr seiner lesenswerten Texte finden sich auf seiner Homepage.
Tom Schimmeck bekommt übrigens in zehn Tagen den Deutschen Sozialpreis 2009 für sein Radiofeature Koma-Kicks verliehen. Der Preis wurde ihm bereits am 9. Oktober zuerkannt, zuvor hatte er dafür schon den Preis Bremer Hörkino 2009 erhalten. Wenn es um Preise geht, werden die freien Journalisten immer ganz gern von den Sendern oder Verlagen vereinnahmt. Meist wird die Info unterschlagen, dass der Gewinner ein Freiberufler ist. Stattdessen liest man dann die verklausulierte Wendung "der NDR-Autor ..." - wie auch in diesem Fall in der Zeitschrift Journalist. Auch der NDR erwähnt mit keiner Silbe, dass der Preis an einen freien Journalisten ging. Wer es nicht besser weiß, gewinnt leicht den Eindruck, dass er zum Sender gehört.
Gehört er ja auch. Hast Du schonmal für eine öffentlich-rechtliche Anstalt gearbeitet? Das ist ein sehr interessantes Beschäftigungsverhältnis, über das man mal eine kleine Analyse schreiben könnte.
Hat er denn einen Rahmenvertrag als fester Freier? Er macht doch sonst eher Sachen für das DRadio und DLF. Mein Eindruck war, dass er dem NDR das Thema angeboten und daraufhin den Auftrag erhalten hat.
Es geht mir nicht um die juristischen Beziehungen zwischen Sender und freiem Mitarbeiter, sondern um die sozialen, also um den Umgang mit den Leuten. Insbesondere die Frage, unter welchen Umständen man von den Häusern wie betrachtet wird.
Mit Verlaub: Bitte nicht über die Öffentlich-Rechtlichen mosern - Wer hier arbeitet, kann sich glücklich schätzen. Die Honorare sind gut, im Vergleich zu dem, was man als Freier in anderen Bereichen verdient sogar sehr gut! Und ich wüsste nicht, dass sich mal ein Moderator bei den ÖR überarbeitet hätte. Unterm Strich steht: Angemessene Vergütung für einen Job, der in der Regel für die meisten ein Traumjob ist ...
Also bitte, Ball flach halten, sonst sage ich noch, dass ich viele ARD-Kollegen für überbezahlt halte (Anwesende ausgeschlossen) :-) ...
Dass man eine Menge seiner Rechte abgeben muss bei Vetragsabschluß, kann man so oder so sehen - immerhin füttert der Sender den Freien und will dafür auch eine gewisse Exklusivität.
Wer (soziale) Sicherheit will, sollte sich um eine Festanstellung bemühen - das ist dann schon beinahe gleichbedeutend mit Beamtenstatus und der dazugehörigen -mentalität (bei öffentlich-rechtlichen Sendern übrigens weit verbreitet) ... Dafür kommt aber auch nur ein gewisser Typ Mensch in Frage, der nur selten zu einer Sender-Personality wird.
Die meisten Freien sind Freaks oder Freidenker. Sie machen die wirklich guten, innovativen Sendungen, werden häufig zu Personalitys und Aushängeschildern ihrer Stationen. Ohne diese "Funker aus Leidenschaft" könnte die ARD nicht leben - und umgekehrt ... Zum Glück, denn sonst gäbs auch keinen Holgi on air ... Die meisten Anstalten wissen Arbeit und Kreativität von Freien zu würdigen, zumindest meiner Erfahrung nach (und ich habe u.a. drei ÖR Stationen kennengelernt und hatte nichts zu beanstanden). Wenn das bei HR oder RBB anders sein sollte, liegt es doch wohl eher an einzelnen Menschen in den Lizenzabteilungen, Redaktionen oder Leitungsgremien und nicht an den "Häusern"?!
Ein gut bezahlter Traumjob bleibt es dennoch !
Also, beschwer Dich nicht :-)
*ironiemodusan*
(Nachtrag: Für guten Content gibt im Internetbereich heute kaum noch jemand Geld aus. Bei einer Firma, die "Content" schafft, möchte ich erst recht nicht als Freier arbeiten! ...
Wir haben hier lange so etwas angeboten, als Agentur-Service für verschiedene Portale. Bis vor ein/zwei Jahren war das alles relativ gut honoriert. Inzwischen werden die Inhalte hauptsächlich von Google oder Praktikanten generiert, Wissenschaftsthemen oder News mit Mehrwert sind immer weniger gefragt ... womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären.)
Und sollte mir mal jemand einen "Sozialpreis" verleihen, dann packe ich ein in dem Bewusstsein, es irgendwie falsch gemacht zu haben. ;-) Klingt ja echt nach Behördenflur und BAT V.