Ich wiederhole mich. Aber es ändert sich ja auch sonst nichts. Im November 2006 habe ich was zu Emsdetten geschrieben. Gilt es heute halt für Winnenden.
Wie in Erfurt werden sie sagen, die Computerspiele sind schuld. Sie werden sagen, es sei ein bedauerlicher Einzelfall. Sie werden so tun, als sei das Böse plötzlich vom Himmel gefallen. Sie werden sich nicht um die Hintergründe kümmern, denn dann müssten sie zugeben, dass ihre Idee von Gesellschaft eine schlechte Idee ist. Kerner wird wieder Schwachsinn reden. Pfeiffer wird wieder Schwachsinn reden. Die Schützenvereine werden ihre Hände wieder in Unschuld waschen, weil es ja schliesslich ein Sport ist, Projektile abzufeuern und keine Krankheit. Die Innenminister werden wieder Schwachsinn reden. Wolfgang Bossbach wird erst recht Schwachsinn reden. Dann werden sie vielleicht die Schule renovieren. Seelsorger werden ihr bestes tun, Seelen zu versorgen. Therapeuten werden wieder Sachverstand simulieren. Staatsanwälte werden sich zurücklehnen, weil ja alles klar ist. Die Medien werden in einer Woche eine neue Sau durchs Dorf treiben, Kerner wird wieder dabei sein und die Opfer und deren Angehörige werden sprachlos zurückbleiben. Warum sowas passiert, wird solange niemanden interessieren, wie der Täter einen Namen hat und alle mit dem Finger auf ihn zeigen können. Wie in Erfurt.
Und es wird wieder passieren. Wie in Emsdetten.
"Seine Eltern besitzen laut Polizei legal Waffen." (FAZ)
Ich bin mal gespannt, ob Kerner heute Abend wieder live vom Tatort sendet. Dann hammers wieder: Lockeres Infotainment mit Kerner-Charme gepaart, präsentiert mit dem ewigen Dauerlächeln im Gesicht. Selbst die größte Katastrophe muss unterhaltsam verpackt werden - sonst gibt´s keine Quoten ...
Interessant ist ja auch, dass der Amokläufer aus "gutem Haus" kommt ... daher auch die Waffen: ich kenne viele Unternehmersöhnchen, deren Väter zu Hause einen Waffenschrank haben. Zur Jagd, angeblich. Offenbar brauchen die in ihrem langweiligen Leben den Kick, ab und an mal jemand zu töten - und wenn´s nur ein Tier ist. Warum sollte Söhnchen dann - ob unterstellter Vernachlässigung durch Papa und Mama - es dem Alten nicht gleich tun ? Nur, dass er sich eben keine Tiere ausgesucht hat ... *achtungzynismus*
Mein Gott, wie mich das ankotzt: In den nächsten Tagen werden wir dann wieder hören, wie gestört der Amokläufer war und warum er ja eigentlich nichts dafür kann ...
Eigentlich muss man in solchen Fällen, die Eltern mit zur Verantwortung ziehen, zumal man dies mit dem eigentlichen Täter ja nicht mehr tun kann.
Ja, endlich sachts mal einer: Wir brauchen endlich wieder konsequente Sippenhaft. Steht nicht an jedem Bauzaun, "Eltern haften für ihre Kinder"? Warum nicht auch gleich die Eltern von volljährigen und erwachsenen Straftätern einbuchten, irgendwas müssen die Alten bei der Erziehung ja wohl falsch gemacht haben...
Wenn eine Mitverantwortung im Sinne unserer Rechtssprechung gegeben ist, wäre ich der letzte, der da was dran auszusetzen hätte. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Strafverfolgungsbehörden diese Option leichtfertig außer Acht lassen werden. Daher erschien mir diese explizite Forderung ein wenig übertrieben. Ich bin kein Jurist, aber je nach Schwere der Verletzung der Aufsichtspflicht und Fahrlässigkeit beim Lagern der Waffen kann das vielleicht sogar auf Beihilfe hinauslaufen.
Es bringt nichts, hier Fragen zu stellen oder Antworten zu geben.
Mich ärgert wieder einmal das Verfälschen der tatsächlichen Zeitbläufe, das beschönigende Schildern der Zugriffs- und Ermittlungsumstände in der Pressekonferenz.
Zum Erbrechen ist das Geseire der Medien, die am liebsten jeden Blutflecken zeigen möchten. Die Interviews mit Tatzeugen, die beinahe am Tatort gewesen wären wenn der Wecker nicht versagt hätte. Das hat mit "Berichterstattung" nichts mehr zu tun. Möglicherweise war es das auch hierzulande breit getretene Ereignis in den USA Stunden zuvor, das als Auslöser für den Täter von Winnenden wirkte. Aber selbst wenn Medien mit den "Ereignissen" sorgsam umgingen: es wird wieder passieren. Weil es nicht zu verhindern ist.
Na klar, der Vater besitzt legale Waffen, mindetsens fünfzehn an der Zahl. Im Prinzip ist das doch Wurst. Wegen mir kann er einen Panzer in der Garage stehen haben, wenn er damit nichts über den Haufen fährt und das Teil dort vor sich hin rosten lässt. Was ihn allerdings geritten hat, eine Beretta ungesichert im Nachtkasten aufzubewahren, die passende Munition zu Hauf gleich in Reichweite, das mag er den Ermittlungsbehörden erklären. Und den Angehörigen der zu Tode gekommenen.
Aber auch ein totales Waffenbesitzverbot würde derartige Vorfälle nicht verhindern können. Unheil grösserer Art kann man mit allen möglichen Dingen anrichten.
Ebenso wie die Medien reagiert die Politik: Betroffenheit, Mitgefühl, laberlaberlaber, jawohl, Frau von der Leyen, präventieren müssen wir auch, Ballerspiele und Horrorfilme gehören total verboten, fehlt nur noch Schäuble mit einem Verweis auf die Terrorszene.
Und morgen geht es lsutig im gleichen Stil weiter.
und hier auch nochmal rein:
oh, eben haben sie sich schon versprochen: “der junge mann, der das attentat… ähm den amoklauf begangen hat.”
aber viel besser und das auf phoenix:
1:”was weiß man denn über den jungen mann?”
2:”er soll soetwas wie ein computer-nerd gewesen sein, also er hat sich sehr mit computern beschäftigt.”
1:”aber sein vater war doch in einem schützenverein…”
2:”ob er selbst in einem schützenverein war weiß man nicht.”
1:”aber die waffe hatte er doch von seinem vater, der diese legal zu hause aufbewarte…”
2:”die polizei hat erst einmal den computer beschlagnahmt, man weiß noch nicht, ob er dadurch in irgendeiner weise beeinflusst wurde…”
1.”der vater hatte doch 16 waffen legal zu hause…”
…
und immer so weiter.
scheiß auf schützenvereine und waffen, wie müssen computerspiele verbieten!
Das mag hypothetisch klingen, hat aber einen ernsten Hintergrund.
In BW werden tausende Stellen gestrichen, Reviere und Dienststellen
werden zusammengelegt. (Stuttgart-Stadt verlor 200 Beamte)
Mit Kenntniserlangung der schwere einer Straftat wird ein Ringalarm ausgelöst.
RING 10, 20 bis RING 50 (100). Auf diesen konzentrischen Kreisen um den Tatort
befindliche geeignete Örtlichkeiten die im Kartenmaterial fest vorgegeben sind,
(Kreuzungen-Einmündungen u.a.) werden Streifenwagen postiert, die
Anhaltekontrollen vornehmen.
Im Idealfall sind innerhalb 5 Minuten nach Zuweisung alle Posten besetzt.
Das erfordert allerdings eine ausreichende Anzahl von besetzten Streifenwagen
mit mind. 2 er Besatzung.
Kleinere Orte incl.der Randgemeinden haben im Schnitt 2 max. Streifenwagen im Einsatz.
Stelle Dir den veröffentlichten Ablauf doch mal vor:
Streifenwagen kommt, Besatzung stürmt(?) in die Schule, liefert sich mit dem
Täter einen Schusswechsel verfolgt den fliehenden Täter.......(wohin?)
(auf der Karte ist zu sehen, daß er in Richtung S-Bahn lief und auf halber Strecke am PLK tödliche Schüsse abgab. http://www.oldblog.de/haus/amok.kmz
Spätestens jetzt müßte Verstärkung eintreffen.
Wenn es denn im Ort/Revier zu diesem Zeitpunkt Verstärkung gäbe.
Deshalb meine Aufforderung in Twitter.
Des Herrn Innenministers Ausführungen zu den speziell geschulten Interventionskräften
in jeder Schicht auf den Revieren ringt mir ein Schmunzeln ab.
Ich wünschte manchmal, auf einer PK zu sein und Fragerecht zu haben.
Und es wurde sogar noch schlimmer. Strenge Waffengesetzte, strenge Regelungen für Computerspiele, der Täter hat auch Horrofilme geguckt - können wir das verbieten? Das die Leute nicht merken, dass sich diese Fragen nur stellen, weil eigentlich niemand was tun kann, ist das schlimmste daran. Und immer wieder diese Vergleiche mit anderen Tätern, typisch - untypisch - alle versuchen es in ihr normales Denkschema einzupassen. Funktionieren tut das nicht, merkt nur keiner.
Ich glaube, ein wichtiger Punkt von Holgis Statement wird hier übersehen: Es geht um die Verantwortung der ganzen Gesellschaft für solche letalen "Ausraster". Eine wichtige Frage bleibt dennoch im Raum: Warum passieren solche Amokläufe eigentlich nicht HÄUFIGER? Es sind letztendlich Reaktionen auf Mißstände. Falsche, okay, aber immerhin ist es EINE Reaktion. Dieser Punkt wird komplett ausgeblendet. Reden hilft. Warum reden wir nicht mehr miteinander?
Und was soll ich als Teil dieser Gesellschaft bitteschön dafür können, dass sich ein gestörter Idiot die Wumme von seinem Alten krallt und töten geht? Hätte er mich doch zum Vorbild genommen: Ich habe in jungen Jahren als Wachsoldat mehrmals pro Tag eine Schnellfeuerknarre oder ein MG mit 100 Schuss mit mir rumgetragen ohne Leute umzunieten. Geht doch auch, wenn man bisschen guten Willen mitbringt.
Aber die Frage, warum sowas nicht noch viel häufiger passiert, stelle ich mir bisweilen auch.
Aber letztlich bleibt das eine abstrakte Erkenntnis ohne konkreten sittlichen Nährwert. Ich bin jetzt mal so vermessen zu behaupten, dass bis zum Beweis des Gegenteils keine meiner Handlungen oder Unterlassungen der letzten 45 Jahre meines Lebens auch nur im Entferntesten geeignet war, die Bereitschaft zum Amoklauf in der Gesellschaft direkt oder indirekt zu fördern. Insofern läuft diese wohlfeile Schuldzuweisung an "die Gesellschaft" ein wenig ins Leere - zumindest soweit es mich betrifft. Selbst wenn ich angestrengt drüber nachdenke, wie ich mir diesen Schuh anziehen könnte, sehe ich noch nicht mal einen Schnürsenkel, den ich aufknoten könnte.
Solange sich jeder einbildet, mit alldem nichts zu tun zu haben, weil ausgerechnet er ja nichts Böses tut, wird das Böse gewinnen.
Mark, ich bezweifle, dass dein Verhalten stets unfragwürdig war, so dass Du stets ein gutes Vorbild gewesen wärst.
- als Einladung an die Allgemeinheit, mir in diesen Schuh hineinzuhelfen. Dem zweiten Teil Deiner Replik kann ich auch zustimmen, in der Tat war ich in der Schule kein Unschuldslamm, wenn es daran ging, Mitschüler mit fiesen Sprüchen mundtot zu machen. Wenn sich da einer nicht anders zu helfen gewusst hätte, als mit der Knarre zurückzuschießen, ich wäre nicht als Unschuldiger gestorben.
Ich habe auch heute noch ein loses Mundwerk und halte mich nicht immer an die jeweils erlaubte Höchstgeschwindigkeit - aber deswegen muss wirklich keiner Mitschüler und Lehrer umnieten. Und jeder, der mir hierbei eine wie auch immer geartete Mitwirkung (und sei sie noch so mikroskopisch oder morphisch) unterjubeln will, darf sich gerne etwas mehr Mühe geben.
Oder mal erzählen, was er so zur allgemeinen Amok-Prophylaxe beisteuert...
Amokläufe sind Nebenwirkungen unseres Lebensstils. Entweder, wir nehmen sie hin, oder wir ändern unseren Lebensstil.
Unser Lebenstil lässt sich am besten mit Ich-bezogen und eigennützig beschreiben. Mark793 hat recht, wenn er sagt, dass er nichts getan hat um einen Amoklauf zu unterstützen. Trotzdem ist da einer alleine gewesen unter hunderten anderen, die ihn gemieden haben. (OK, ich kenne den Täter nicht, und muss mich auf Berichte im WDR verlassen, die aber um einiges seriöser sind als die hier beschriebenen Medien).
Wenn wir uns umeinander kümmern haben wir den Grundstein dazu gelegt, dass so was nicht wieder passiert. Mark793 mag sich um seine Umgebung kümmern, aber es sind noch so viele da draussen denen das Hemd näher ist als die Hose. Die müssen weniger werden. Du, lieber Leser, bist aufgefordert daran mitzwirken. Ja genau, Du. Und Ich natürlich, klar. Aber Du auch.
Ja, vielleicht kann man das, aber man muss es nicht. Und wenn (wie vorhin an anderer Stelle schon gesagt) von Millionen Spielern im Schnitt einer alle drei Jahre es schafft, damit seine Tötungshemmung abzutrainieren, dann ist das bei allem gebotenen Respekt vor den Opfern und den Hinterbliebenen eine Quote, die mich zu dem Schluss bringt, die effektivste Methode, die Tötungshemmung zu überwinden, ist wohl das Töten selbst. Und da hilft eine geladene Schusswaffe im Zweifelsfall viel mehr als ein paar unappetitliche Spiele auf der Festplatte. Meine ganz persönliche und laienhafte Theorie dazu ist, dass die Spielballerei nur dann diese fatale Wirkung entfaltet, wenn noch ein paar andere gravierende Fehlschaltungen dazukommen. Und ob das Fehlen des Faktors Killerspiele das Risiko wesentlich reduzieren würde, tja, weiß ich wirklich nicht.
Überhaupt überspiele ich mit meinem Geschnatter nur meine Ratlosigkeit...
zum glück habe ich fast ausnahmlos angenehme diskussionen, das liegt ganz wesentlich an den angenehmen kommentatorInnen. nur diesmal bin ich auch sehr froh über feedback, es bedeutet mir etwas.